Relikte des Ursprungs

In den Wäldern rund um den Nürburgring finden sich mancherorts Überreste aus der Entstehungszeit der Strecke. In Basaltsteinbrüchen wurde das Material für den Bau der Strecke gewonnen - manche von diesen Abbaustellen liegen nun seit über 85 Jahren verlassen - und teilweise vergessen - im Wald.


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Aus der Anfangszeit des Nürburgrings finden sich noch einige Relikte, beispielsweise die Verwaltungsgebäude, das Historische Fahrerlager, der Grundstein u.v.m. In den Wäldern rund um den Nürburgring finden sich allerdings auch noch Zeitzeugen aus der frühesten Entstehungszeit des Nürburgrings, die Relikte des Ursprungs.

Relikte des Ursprungs

Eifel, Vulkane, Basalt - und der Nürburgring

Die Eifel in ihrer kargen, schroffen, aber doch wunderschönen Gestalt ist bekanntermaßen das Ergebnis vulkanischer Aktivitäten, die hier vor Millionen von Jahren stattgefunden haben. Als Endprodukt dieser Aktivitäten blieb vielerorts der Basalt, der vor allem an Bergen oft zu finden ist und der sich in den berühmten Säulen aus der Erde hebt.

Besonders deutlich wird die Gestalt der Eifellandschaft auf Panorama-Bildern. Zum einen finden Sie ein Panorama-Bild vom Turm der Nürburg aus auf der Seite zur Nürburg (Klick!), eines vom Kaiser-Wilhelm-Turm auf der Hohen Acht finden Sie hier:


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Da Basalt ein sehr hartes Gestein ist, eignete er sich prächtig für den Straßenbau und damit auch für den Bau des Nürburgrings, der einen Unterbau aus verschiedenen Basaltschichten erhielt. Auf diese unterschiedlichen Schichten wurde dann der jeweilige Oberflächenbelag aufgetragen.

Die Streckenführung des Nürburgrings wurde vor Millionen von Jahren vorgezeichnet

Der Weg der Urstrecke des Nürburgrings durch die Eifellandschaft ist nicht etwa zufällig entstanden, sondern ist das Ergebnis verschiedener Anforderungen, die an die Streckenführung gestellt wurden. Eine dieser Anforderungen war es, dass die projektierte Strecke möglichst nahe an reichhaltigen Basaltvorkommen vorbeiführen sollte, um den Bau der Strecke zu erleichtern - in Anbetracht der damaligen Technik und der zur Verfügung stehenden Mittel tatsächlich eine gute Idee. Die vulkanischen Aktivitäten, die vor Jahrmillionen die Eifel formten und aus denen die Basaltvorkommen im Land am Nürburgring entstanden, gestalteten also quasi in gewisser Weise den Nürburgring mit.

Manche der Steinbrüche sind heutzutage schwer zu finden, da sie von der Natur wieder zurückerobert wurden und zugewuchert sind - manchmal findet man aber noch Stellen, an denen der Wald urplötzlich ein Basaltvorkommen freigibt, an dem sich Spuren des Abbaus finden. Leider gibt es bis auf wenige Bilder und Ortsangaben kaum detaillierte Aufzeichnungen über die Abbauinfrastruktur, sodass die nachträgliche Rekonstruktion dieser Abbauinfrastruktur nach über 85 Jahren kein einfaches Unterfangen ist. Viele Puzzlestücke müssen zusammengesetzt, alle Arten von Karten aus verschiedenen Zeiten verglichen werden, Zeitzeugen befragt und alte Bilder mit heutigen Begebenheiten verglichen werden - ein gutes Stück Arbeit, das aber höchst interessante Einblicke in die Entstehung und den Ursprung der Rennstrecken des Nürburgrings gibt.

Im Umfeld der Steinbrüche finden sich auch vereinzelt weitere Überbleibsel aus der Zeit des Baus, die heute wohl schon längst in Vergessenheit geraten sind. Mit Hilfe von alten Karten, Kompass und dem ein oder anderen Tipp von ortskundigen Anwohnern, deren Eltern oftmals beim Bau der Strecke mitgearbeitet haben, war es möglich, ein paar Relikte aus der Ursprungszeit dieser grandiosen Rennstrecke wiederzufinden und zu dokumentieren.

» Teil 1: Steinbruch nahe Nürburg

Eine dieser Abbaustellen befindet sich in einem Wald nahe Nürburg. Was von der Stelle übriggeblieben ist, an der vor über 85 Jahren in harter Arbeit das Material für das Fundament der Rennstrecke gewonnen wurde, können Sie auf den Bildern sehen. Eigentlich sieht man von den damaligen Arbeiten nicht mehr viel - auffallend ist eigentlich nur, dass sich an diesen Stellen der Basalt, der ja eigentlich von einer dicken Schicht Erde bedeckt sein sollte, dem Betrachter ganz offen zeigt.


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Bild 1 und 2: Reste des Basaltsteinbruchs


Obwohl die Steinbrüche an sich ja schon interessante Zeitzeugen aus der Entstehungszeit des Rings sind, wird es noch interessanter, wenn der Umgebung der Abbaustellen Aufmerksamkeit geschenkt wird - dort kann man noch mehr entdecken.
Von der Abbaustelle weiter in Richtung Strecke finden sich etwas unterhalb an einem kleinen Hang die Reste von zwei Gebäuden. Aus den Ruinen lässt sich noch erkennen, dass es sich hier um Funktionsgebäude gehandelt haben muss, wie Sie auch auf den Bildern sehen können. Leider habe ich bisher noch keine Bilder aus der Bauzeit explizit von dieser Abbaustelle ausmachen können, die diese beiden Gebäude zeigen, mit denen ich die vorgefundenen Gebäudereste hätte vergleichen können.

Laut Aussage von ortskundigen Anwohnern aus Nürburg war eines der beiden Gebäude ein Knacker, an dem die gebrochenen Steine zerkleinert wurden. Das andere war eine Art Silo, in dem kleinere Steine bzw. Sand zum Auffüllen zwischengelagert bzw. verladen wurden. Mit Lorenbahnen wurde das Material dann über Gleise zur Baustelle an der Strecke gebracht.
Der Grundbau eines weiteren Gebäudes auf Höhe der Abbaustelle soll das Büro des Steinbruchs gewesen sein, wo die Arbeiter auch essen konnten - später wurde dieser recht kleine Bürobau zu einer Art Grillhütte ausgebaut.



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Bild 1 bis 4: Die beiden Funktionsgebäude, die nach den Schilderungen von
Ortskundigen Funktionsgebäude aus der Zeit des Baus sind.
Bild 1 und 2: Das linke, schon recht zugewachsene Gebäude; Bild 3 und 4: Das rechte Gebäude.


Bei diesem Steinbruch finden sich - etwas abseits der eigentlichen Abbaustelle und fast zu übersehen - zwei etwa 60-70 cm hohe Betonblöcke, aus denen Reste einer Verschraubung herausragen. Laut Auskunft von Anwohnern stellten diese beiden Betonblöcke das Fundament für einen Motor dar, der den Transport des Materials ermöglichte.


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Bild 1 und 2: Die Betonblöcke im Wald; Bild 3: Schneise im Wald
(siehe folgender Text und Teil 2: Steinbruch Vogelsherdchen!).

Auffallend ist allerdings, dass diese beiden Betonblöcke wie gesagt etwas abseits des eigentlichen Geschehens stehen, zudem stehen sie in einem eigenartigen Winkel zur Abbaustelle. In der Flucht dieser beiden Betonblöcke geht eine lange Schneise weg von der Abbaustelle durch den Wald, die durch fehlende Bäume und eine ca. zwei bis drei Meter breite Vertiefung auffällt. Eigentlich unlogisch, da die Schneise im Wald entgegengesetzt des Weges zur Strecke, also weg von der damaligen Baustelle führt.

Mehr zu der Funktion der beiden Betonblöcke und einer weiteren Abbaustelle finden Sie in Teil 2!


» Teil 2: Betonblöcke, Schneisen und ein Wall - der Steinbruch Vogelsherdchen

Die in Teil 1 angesprochene Schneise, in deren Richtung die beiden Betonblöcke zeigen, läuft in Richtung Nord-West einen Hang hinunter, welcher von der Abbaustelle bzw. generell von der Strecke wegführt. In dieser Richtung befindet sich eine Erhebung namens Vogelsherchen, an dem sich laut alten Aufzeichnungen ein weiteres Basaltvorkommen befindet - dieses Vorkommen ist auch in manchen (nicht in allen) Karten unter den Steinbrüchen aufgeführt, an denen Material für den Bau der Strecke Mitte der 1920er Jahre abgebaut wurde. Nun stellt sich dem aufmerksamen Wanderer doch direkt die Frage, welche Funktion diese beiden Betonblöcke hatten und was es mit der Schneise auf sich hat!


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Bild 1: Die Betonblöcke im Wald (siehe Teil 1); Bild 2: Schneise im Wald.


Die angesprochene Schneise läuft durch den Wald, wird von zwei Wanderwegen durchschnitten und geht kurz darauf in Form eines Walls durch eine Art Senke. An seinem höchsten Punkt erhebt sich der Wall ca. 1,5 Meter über den Waldboden. Bei genauem Hinsehen fällt der Wall im Wald deutlich auf. Man sieht, dass er nicht natürlichen Ursprungs sein kann, sondern angelegt worden sein muss. Auf dem Wall, der stellenweise stark zugewuchert ist, finden sich Basaltsteine und -brocken in verschiedenen Größen - hier muss also Basalt transportiert worden sein.



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Bild 1: Im Hintergrund sieht man den an dieser Stelle ca. 1m hohen Wall;
Bild 2: Basaltbrocken in verschiedenen Größen auf dem Wall.


Wiederum nach einiger Zeit wird der Wall durch einen Waldweg unterbrochen. Auf dem folgenden Breitbild kann man die Höhenunterschiede gut erkennen, ebenso kann man sehen, dass der Wall bei Anlage des Waldwegs unterbrochen, also abgetragen wurde.



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Bild: Der Wall, auf dem das Material transportiert wurde, wird von einem Wanderweg
unterbrochen. Rechts kommt der Wall den Berg hinunter, wird unterbrochen und geht
nach links in Richtung Steinbruch weiter. In rot eingezeichnet der ursprüngliche Verlauf
des Walls, in grün der heutige Verlauf des Waldbodens.


Nach dieser Unterbrechung geht der Wall weiter, geht allerdings nach einigen Metern wiederum in eine Schneise über, die in einen Hang gegraben wurde (siehe Bild unten). Am Ende der recht langen Schneise befindet sich eine Freifläche im Wald und etwas abgewinkelt davon ein Steinbruch an einem Hang des Vogelsherdchens.



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Bild 1: Nach einigen Metern geht der Wall (vorne) wieder in eine Schneise über (hinten);
Bild 2: Die Schneise, aufgenommen von der Freifläche im Wald in Gegenrichtung; Bild 3: Der Steinbruch.


Durch die Schneisen im Wald bzw. den Wall zur Überbrückung von abfallendem Gelände ergibt sich von den beiden Betonblöcken am Steinbruch "Am Steinchen" bis hinunter zum Steinbruch "Am Vogelsherdchen" ein Gefälle. Über den gesamten Wall bzw. in den Schneisen finden sich überall kleine und große Basaltsteine und -brocken - hier muss also Basalt in allen Größen vorbeitransportiert worden sein.

Die Angaben der ortskundigen Anwohner scheinen zu stimmen - laut ihrer Schilderungen hat sich auf den beiden Betonblöcken ein Motor befunden, der mittels einer Art Seilbahn, an der Kippwagen befestigt waren, Material vom Steinbruch am Vogelsherdchen weiter unten im Wald hinaufgezogen hat. Dieses Material konnte dann in den Anlangen "Am Steinchen" (genauere Beschreibung siehe Teil 1) weiterverarbeitet und dann zur Strecke, genauer gesagt zur langen Gerade an der Döttinger Höhe, gebracht werden. Von dort aus wurde es im damaligen Baulos verteilt und beim Bau der Strecke verarbeitet. Konkret wurde der Basalt beim Bau des Nürburgrings in verschieden Schichten als Unterbau für die Strecke verwendet.

Im Gegensatz zur Abbaustelle "Am Steinchen", an dem sich mit den Betonblöcken und den drei Gebäuden bzw. Ruinen noch einige Reste befinden, habe ich trotz intensiver Suche sowohl in der Schneise bzw. auf dem Wall als auch am Steinbruch "Vogelsherdchen" keine Überreste wie beispielsweise alte Gebäude(reste) oder ähnliches finden können.


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Letztendlich werden sich für ein paar einfache Ruinen, Betonblöcke oder Steinbruchreste im Wald wohl nur wenige begeistern können. Vor dem Hintergrund, dass diese Orte allerdings wohl zu den letzten Relikten aus der Zeit des Baus dieser faszinierenden Rennstrecke vor über 85 Jahren gehören, bekommen sie für den interessierten Betrachter wiederum eine ganz neue Bedeutung. Fast 90 Jahre ist es nun her, dass an diesen Stellen vormals erwerbslose, uns heutzutage namentlich unbekannte Menschen Arbeit gefunden, ihren Lebensunterhalt verdient und uns allen diese wunderbare und einzigartige Strecke gebaut haben. Geschichte, die vor fast neun Jahrzehnten hier und an vielen anderen Stellen im Land des Nürburgrings stattgefunden hat, wird plötzlich wieder greifbar und anschaubar. Somit sind diese Reste der Steinbruchanlage nicht einfach bedeutungslose Spuren einer längst vergangenen Zeit irgendwo im Wald, sondern Relikte des Ursprungs dessen, was Menschen seit Generationen begeistert und was der Region rund um den Nürburgring seit Jahrzehnten Arbeit und Wohlstand ermöglicht.

Vielen Dank an Michael und Nils, die bei der ersten der Erkundungstouren in diesem Gebiet dabei waren - es hat viel Spaß gemacht! Ebenso geht ein herzlicher Dank an die ortskundigen Anwohner aus Nürburg, die selbst seit Jahrzehnten in Nürburg wohnen und viele dieser Stellen aus ihrer Kindheit und aus Erzählungen ihrer Eltern kennen, die zum Teil selbst Mitte der 1920er Jahre am Bau der Strecke mitgearbeitet haben.