Der 28. März und die Folgen

Der Unfall am 28. März am Streckenabschnitt Flugplatz hat einige Fragen aufgeworfen, denen sich der Nürburgring in der nächsten Zeit stellen muss.

Ein Kommentar vom 18. April und ein mahnender Kommentar vom 23. Juni.




nordschleifologie.de » Der 28. März und die Folgen für den Nürburgring

Wehret den Anfängen - vergesst die Zukunft nicht! Ein mahnender Kommentar

von Alexander Kraß, 23. Juni 2015

Nach mittlerweile drei Monaten, die nach dem schweren Unfall vom 28. März vergangen sind, herrscht derzeit Unruhe am Ring, da Umbaumaßnahmen an der Nordschleife befürchtet werden. Namhafte Motorsportexperten, Fahrer und Teams sprechen sich entschieden gegen signifikante Änderungen an der Strecke aus.

GT3-Fahrzeuge und Nordschleife - diese Kombination hat sich spätestens mit dem Unfall während des ersten Laufs zur VLN-Langstreckenmeisterschaft als problematisch herausgestellt. Die als kurzfristige Maßnahme darauf an einigen Abschnitten der Nordschleife eingeführten und momentan noch bestehenden Tempolimits, die mit Blick auf das zum damaligen Zeitpunkt kurz bevorstehende 24h-Rennen zur Bestandssicherung eingerichtet wurden, führen den Motorsport auf dem Nürburgring mittel- und langfristig jedoch ad absurdum. Nun müssen zeitnah Möglichkeiten gefunden werden, um auf der Nordschleife wieder echten und reinrassigen Motorsport durchführen zu können, der die Menschen begeistert und zum Wohle der Region in die Eifel lockt. Im Laufe der letzten Wochen wurden mehrere mögliche Strategien genannt, die eine Wiederholung der schrecklichen Ereignisse vom 28. März verhindern sollen. Hierzu gehören umfangreiche Anpassungen der Sicherheitseinrichtungen rund um die Strecke, Sperrung von einzelnen Zuschauerplätzen, eine spezielle Fahrerqualifikation für GT3-Fahrzeuge und auch die Einbremsung einzelner Rennwagenklassen durch Eingriffe in das Regelement. Aber auch Umbaumaßnahmen an der Strecke selbst wie beispielsweise Bremsschikanen werden immer wieder als möglicher Weg aufgeführt.

Die zentrale Frage zur Lösung dieser Problematik lautet: werden die Rennwagen in Zukunft schneller oder langsamer? Die Antwort ist klar: Jahr für Jahr werden Rundenrekorde gebrochen, werden neue Höchstgeschwindigkeiten erzielt - gleichzeitig driften das Performance-Wunschdenken der Ingenieure und die streckentechnische Realität des Nürburgrings auseinander. Natürlich machen die spektakulären Rennwagen der GT3-Klasse einen ganz besonderen Reiz aus, weswegen sie der Langstrecke auf dem Nürburgring im Prinzip ja auch erhalten bleiben sollen - die Lösung darf allerdings nicht sein, die besonderen Eigenschaften der Nordschleife einer bestimmten Rennwagenklasse zu opfern. Dies wäre besonders dann fatal, wenn man bedenkt, dass die wenigen schnellen Fahrzeugklassen bei VLN/24h die einzigen sind, die dieses Gefahrenpotential in sich tragen können. Weder bei den Touristenfahrten, Oldtimerrennen, RCN, GLP, bei den wichtigen Testfahrten von Industrie und Presse oder anderen Veranstaltungen zeigt sich ein vergleichsweise gefährliches Verhalten von Fahrzeugen - diesen im Gesamten sehr wenigen Fahrzeugen, die gefährlich werden können, eine Strecke zu opfern, wäre absolut unverhältnismäßig.

Signifikante Eingriffe in das Streckenbild wie beispielsweise der Bau von Bremsschikanen stellen daher meiner Meinung nach keine brauchbare Lösung dar, da sich direkt die Folgefrage aufdrängt: wenn nun aufgrund der hohen Performance der GT3-Fahrzeuge ein Eingriff in die Streckencharakteristik erfolgt, ist dies ein Anfang - wo wird das Ende sein, wenn die Rennwagen stetig weiterentwickelt und dadurch immer schneller werden? Werden nun beispielsweise durch den Einbau von Schikanen einzelne kritische Stellen entschärft, besteht in den kommenden Jahren trotzdem auch weiterhin die Gefahr, dass bei immer schneller werdenden Rennwagen auch weitere Abschnitte zum Problem werden können - eine Diskussion um Sicherheit und Entschärfungsmaßnahmen würde dann von vorne beginnen, lediglich an anderer Stelle. Dies möglicherweise ausgelöst durch einen weiteren schweren Unfall von ähnlichem Ausmaß wie der am 28. März am Flugplatz. Ein solcher Teufelskreis mit einer immer weiter ausufernden Anpassung der Nordschleife kann jedoch verhindert werden. Eine Einbremsung der GT3-Fahrzeuge würde diese Folgeproblematik im Gegensatz zu Umbaumaßnahmen für die Zukunft lösen - in Anbetracht der Sonderstellung der Nordschleife müssen die Fahrzeuge wie schon immer speziell für den Nürburgring angepasst werden, nicht umgekehrt.

Ebenso wie bei der Diskussion um die Formel 1 Anfang und Mitte der 1970er Jahre wird in absehbarer Zeit - wir sprechen hier von wenigen Jahren - die Schmerzgrenze dessen erreicht sein, was die Nordschleife an Geschwindigkeit und Performance von GT3-Rennwagen im Rennbetrieb verkraften kann. Am Ende steht die eklatante und realistische Gefahr, dass die schnellen Fahrzeugklassen von VLN/24h wiederum zur Disposition stehen, wir dann aber eine zu Tode operierte Nordschleife vorfinden, die - ihrem Wesen und damit ihrer Faszination beraubt - weit entfernt von dem ist, was sie einmal war und was sie einmal in der Reihe der Rennstrecken in aller Welt so besonders und einzigartig gemacht hat.

Eine dauerhafte, moderate Anpassung einzelner Rennwagenklassen - lange nicht alle Klassen der VLN-/24h-Rennwagen erreichen kritische Geschwindigkeiten - auf die einzigartigen Bedingungen auf der Nordschleife würde einerseits die Sicherheitsproblematik dauerhaft lösen, andererseits die Einzigartigkeit der Nordschleife nachhaltig betonen und den Wert des Rings als Rennstrecke erhöhen.

So sehr uns die Ereignisse vom 28. März zum Handeln zwingen, darf jedoch auch die Tragweite von kommenden Entscheidungen nicht unterschätzt werden. Gerade in den turbulenten Zeiten, die der Nürburgring seit einigen Jahren durchlebt, ist die Herausforderung der Nordschleife im Grunde noch das Ursprünglichste, das Tiefste, als Grundlage für die Faszination dieser Strecke auch das Wertvollste, was dem Nürburgring für die Zukunft bleibt. Diese Zukunft darf nicht vergessen werden, bevor Fakten geschaffen werden, die unumkehrbar sind.

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Der 28. März und die Folgen für den Nürburgring

von Alexander Kraß, 18. April 2015

Der Beginn der Motorsportsaison 2015 am Nürburgring steht im Schatten der Ereignisse vom 28. März am Streckenabschnitt Flugplatz. Neben denen, die an diesem Tag in Folge des Unfalls des Wagens mit dern Nummer 23 verletzt wurden, hat ein Motorsportfan am Nürburgring sein Leben verloren. Auch wenn der Verstorbene vielen von uns vielleicht nicht persönlich bekannt war, so hat es doch einen von uns getroffen, ein Mitglied aus unserer Nürburgring-Familie - und auch wenn es von den Motorsportfans nicht anders zu erwarten war, finde ich den Zusammenhalt und die Unterstützung innerhalb der Fangemeinde absolut beeindruckend. Am Freitag, dem 24. April, wird um 11 Uhr am Flugplatz eine Trauerfeier für den Verstorbenen stattfinden (Infos auf www.vln.de).

Abgesehen von der Trauer, die nun in der Nürburgring-Gemeinde herrscht, zwingt uns der Unfall vom 28. März zu einer kritischen, aber auch differenzierten Betrachtung der Sicherheit am und auf dem Nürburgring, damit im Zeichen der Ereignisse keine voreiligen Schlüsse gezogen werden.

Momentan gilt an einigen Abschnitte der Nordschleife im Zuge kurzfristiger Sicherheitsmaßnahmen ein Tempolimit, was ein krasser Widerspruch zu Sinn und Wesen des Motorsports ist. So unwirklich diese Tempolimits auf einer Rennstrecke scheinen, sind sie im Grunde lediglich zeitlich begrenzte Übergangsregelungen zur Bestandssicherung - dadurch ein legitimes weil notwendiges Mittel - und in diesem Zusammenhang auch nur einer kurzfristigen Betrachtung wert. Auch wenn diese Tempolimits nicht zu einer Rennstrecke passen, wird die Ausführung der Maßnahmen von vielen Fahrern als durchdacht und gut umgesetzt beschrieben. Vor allem hinsichtlich der gebotenen Eile sehe ich diese Maßnahmen als akzeptabel an, um Motorsport am Nürburging in eh schon krisengeplagten Zeiten weiterhin möglich zu machen. Ein Verbot bestimmter Fahrzeugklassen oder eine Einschränkung/Ausfall von Rennveranstaltungen hätte für den Nürburgring und die Menschen, die von ihm leben, weitaus gravierende Folgen, als es eine für wenige Abschnitte auferlegte Deckelung der Höchstgeschwindigkeit tut. Für den Zuschauer an der Strecke weden die Auswirkungen des Tempolimits indes kaum oder gar nicht erkennbar sein. Nichtsdestotrotz müssen nun Lösungen gefunden werden, damit diese Tempolimits auf der Nordschleife schnellstmöglich wieder entfernt werden können.

In Bezug auf die Geschehnisse vom 28. März wurde an verschiedener Stelle dem Fahrer des Unfallwagens eine mehr oder weniger große Mitschuld am Unfall und seinen Folgen gegeben, was ich persönlich für unangebracht halte. Als Fahrer hatte er davon auszugehen, dass sein Handeln, sofern es denn "schiefgeht", im schlechtesten Falle höchstens Folgen für ihn selbst haben würde, nicht aber für andere und vor allem nicht für lediglich mittelbar Beteiligte wie uns Zuschauer am Flugplatz und an anderen Stellen rund um die Strecke. Darüber hinaus hat er den Unfall weder mutwillig provoziert, noch den Schaden anderer Personen bei seinem Handeln billigend in Kauf genommen. Im Grunde hat Mardenborough mindestens ebenso Schreckliches erlebt, als er nach einem Highspeed-Abflug und mehreren harten Einschlägen mit seinem Wagen in eine Menschenmenge katapultiert wurde. Mit diesem Erlebnis und seinen Folgen umzugehen, mag für ihn sicherlich Herausforderung und Belastung genug sein. Abgesehen davon, dass er mit einigen Erfolgen im internationalen Motorsport aufwarten und durchaus als Talent im Motorsport angesehen werden kann, genügt der Weg, der ihn ins Cockpit diverser Rennfahrzeuge und am 28. März an den Nürburgring gebracht hat, nicht als Grundlage für einen konkreten Vorwurf an seine Person. Don't hate the player!

Den Rundstreckensport auf der Nordschleife hinsichtlich der Zuschauersicherheit mit Bergrennen oder auch Rallyes zu vergleichen, halte ich für unangemessen, da hier grundverschiedene Konzepte einer Motorsportveranstaltung und damit verschiedene Ansprüche an die Zuschauersicherung verglichen werden.

Ebenso kam an so mancher Stelle der Vorwurf an die Rennbesucher heraus, nicht genug Eigenverantwortung bei der Wahl des eigenen Standorts gezeigt zu haben, wo doch jedem die Gefahren einer Motorsportveranstaltung bekannt sein müssten. Wir sind uns wohl alle einig: Natürlich ist Motorsport gefährlich, natürlich kann immer etwas passieren, natürlich ist Motorsport etwas ganz anderes als Hallen-Halma: Wenn ich mich als Zuschauer in ausgewiesenen Zuschauerbereichen bewege, bin ich zwar theoretisch immer noch einer (geringen) Gefahr ausgesetzt, diese ist allerdings nur unwesentlich höher als andere Gefahren, die das eigene Ergehen im Alltag bedrohen.

Auch der Nürburgring selbst hat gerade durch die seit ihrer Installation vielgescholtenen "FIA-Zäune" der Forderung, die Zuschauer - seine Gäste! - zu sichern, bisher voll und ganz Genüge getan. Auch ich war am 28. März mit Freunden am Flugplatz und auch wir haben mit sehr viel Glück den Unfall mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Unsicher haben wir uns allerdings in keiner Weise gefühlt, vor allem aber haben wir - wie alle anderen Beteiligten - nicht verantwortungslos gehandelt. Bei diesem Unfall kamen viele unvorhersehbare Umstände zusammen - einen solchen Ablauf eines Unfalls hätte niemand vorhersehen können. Das ist das Restrisiko, welches beim Motorsport immer besteht, dem konkreten Besucher aber nicht zum Vorwurf gemacht werden darf. Dies würde nämlich im Umkehrschluss bedeuten, den Betroffenen Fahrlässigkeit und eine Mitschuld am eigenen Ergehen zu übertragen, was im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 28. März vollkommen unangebracht und schlichtweg falsch ist. Nicht jeder, der ein Rennen besucht, kann das Geschehen an der Strecke und die vergleichsweise geringe, aber mögliche Gefahr, die davon für das eigene Ergehen ausgeht, in Verbindung zueinander bringen. Dies begründet sich allein schon durch die Heterogenität der Besucher, unter denen man neben erfahrenen Rennbesuchern auch Neulinge, Senioren, Falimien mit Kindern usw. findet. In der langen Geschichte des Nürburgrings kam es darüber hinaus äußerst selten zu Unfällen, bei denen Unbeteiligte zu Schaden kamen. Es ist also nicht so, dass eine Gefahr für Zuschauer permanent latent im Hintergrund stehen würde und allgemein bekannt sein müsste, da ein solches Ereignis schon des Öfteren vorgekommen wäre.

Weitaus gefährlicher und sehr viel ärgerlicher als diese unhaltbaren Vorwürfe gegenüber den Zuschauern ist allerdings der apokalyptische Abgesang auf das Ende der Nordschleife als Rennstrecke, der sowohl in einigen Medien als auch von einzelnen Untergangspredigern zu hören ist, gerade in Bezug auf die momentan geltenden Tempolimits. Sich in diesem Zusammenhang mit den jeweiligen Medien auseinanderzusetzen, lohnt nicht, da von den Artikeln meist schon nach dem Lesen der ersten Sätze nichts außer Sensationshascherei übrig bleibt. Dem aufmerksamen Leser beitet sich hierbei allerdings die Möglichkeit, guten von schlechtem Journalismus schnell unterscheiden zu können.
Allen, die darüber hinaus das Ende des Motorsports auf der Nordschleife proklamieren und geradezu heraufbeschwören wollen, sei gesagt: so schrecklich und tragisch die Ereignisse vom 28. März auch sind - und das sind sie wirklich-, sind sie nicht das Ende des Motorsports auf der Nordschleife, sondern Herausfoderung für alle, die im Motorsport und speziell am Nürburgring in der Verantwortung stehen. Vor dieser Herausforderung stand der Motorsport im Gesamten und auch der Nürburgring im Speziellen in seiner Geschichte schon des Öfteren, und bisher ist der Nürburgring der sich daraus ergebenden Verantwortung auch immer nachgekommen. Als bestes Beispiel dienen hierzu die Umbaumaßnahmen Anfang der 1970er Jahre, die den Forderungen der GPDA (Grand Prix Driver's Association; Fahrervereinigung der Formel 1) umfangreich Rechnung getragen haben und die Nordschleife mittel- und langfristig in eine sichere Zukunft geführt haben. Weitere Beispiele sind aber auch andere Entscheidungen im Laufe der Nürburgringgeschichte wie die Sperrung von Zuschauerplätzen (Beispiele: Teile des Bereichs am Flugplatz schon vor vielen Jahren; zwischen Karussell und Hohe Acht in Fahrtrichtung rechts) oder auch die Installation der oben schon erwähnten "FIA-Zäune".

Wir stehen momentan ebenso wie die Menschen damals an einem Punkt, an dem Entscheidungen getroffen werden müssen, um den Motorsport auf der Nordschleife weiterhin in vollem Umfang zu ermöglichen. Hinsichtlich dieser Entscheidungen sollte allerdings behutsam vorgegangen werden, bevor endgültige und irreversible Änderungen durchgeführt werden. Auch in dieser Hinsicht sind die bisher getroffenen Maßnahmen im weiteren Kontext grundsätzlich als positiv zu bezeichnen, da sie theoretisch jederzeit wieder aufgehoben werden können und dadurch ohne weitere Folgen für den Nürburgring bleiben würden. An einigen Stellen wurden jedoch Forderungen nach Umbaumaßnahmen laut, die nicht nur die Sicherung der Zuschauer und die Lage der Zuschauerplätzen betreffen, sondern ganz konkret eine Entschärfung der Strecke an verschiedenen Stellen fordern. Die zentrale Frage, auf die sich diese Diskussion herunterreduzieren lässt, lautet allerdings: ist die Nordschleife über die Jahre schwieriger gewordern oder sind die Rennwagen schneller geworden? Zwar ist der Unfall vom 28. März gottseidank kein Regefall, sondern in diesem Ablauf absolute Ausnahme, trotzdem war schon in der vergangenen Zeit zu sehen, dass zwischen der Leistungsfähigkeit der Top-Fahrzeuge und den Bedingungen auf der Nordschleife eine immer größer werdende Lücke klafft.

Die Nordschleife wird immer - zu recht - als die schönste, vor allem aber auch als die schwierigste Rennstrecke der Welt beschrieben und beworben. Das ist der Anspruch, den der Nürburgring auch weiterhin nach außen tragen muss: wirklich eine absolute Herausforderung für Fahrer und Fahrzeug zu sein. Der Nürburgring und insbesondere die Nordschleife darf und muss mit diesem Anspruch, die schwierigste Rennstrecke der Welt zu sein, dastehen und muss ihn weiter verteidigen, sonst werden aus der vielzitierten Einzigartigkeit und Schwierigkeit der Strecke nur Makulatur, nur Phrasen, nur Worthülsen unter den vielen Superlativen, die in der heutigen Medienwelt zur Beschreibung noch so banaler Dinge verwendet werden. "Die schwierigste Rennstrecke der Welt" ist Wahrheit, Anspruch und Grundlage für ein durchaus legitimes Selbstbewusstsein, wenn nicht sogar einer angemessenen Arroganz, mit der der Nürburgring allen gegenübertreten darf und muss, die sich der Herausforderung "Motorsport am Nürburgring" stellen wollen. Eine Anpassung der Strecke an aktuelle - und damit auch zeitlich begrenzte - Anforderungen würde diesen Anspruch verwässern und sein Wesen entleeren.

Um es auf den Punkt zu bringen: Eingriffe in den konkreten Streckenverlauf, also Entschärfungsmaßnahmen wie beispielsweise das Abtragen von Kuppen halte ich persönlich für das falsche Vorgehen und lehne sie ab. Auch an der Nordschleife haben wir verschiedenste Möglichkeiten, um die Sicherheit zu erhöhen, ohne die Charakteristik der Strecke zu ändern. Hierzu gehören die Position von Leitplanken und Reifenstapeln, das Ändern von Auslaufzonen oder auch das Anlegen von Kiesbetten, die neben den bekannten Stellen auch weitere Abschnitte und Kurven sichern können. Abgesehen davon beschränken sich die wirklich gefährlichen Stellen auf wenige Abschnitte und nicht auf die gesamte Strecke. Am Ende wären weitere Entschärfungen der Nordschleife zwar die wohl einfachste Variante, als Kniefall vor dem System würde die Charakteristik der Nordschleife hierdurch allerdings nur weiter verwässert und die Einzigartigkeit dieser Strecke auf dem Altar der einfachsten Lösung geopfert. Hierbei unterscheiden wir uns in der aktuellen Sicherheitsdiskussion grundlegend von der Anfang der 1970er Jahre: Damals war der Nürburgring sicherheitstechnisch im Gesamten weit entfernt von den Standards der damaligen Zeit, die Diskussionsgrundlage war also eine gänzlich andere.

Eine konkrete Lösungsmöglichkeit der Sicherheitsproblematik sehe ich im Reglement der Langstreckenrennen. Vor allem die Fahrzeuge der GT3-Klassen, die die Spitze des Langstreckenfeldes bilden, aber auch weitere Klassen an der Spitze des Feldes sind hiervon betroffen. Die Implementierung dieser Fahrzeuge in das Reglement von VLN und 24h haben uns in den letzten Jahren viele spektakuläre Fahrzeuge und große Fahrernamen in den Langstreckensport am Nürburgring gebracht, was den Rennen eine große Attraktivität und dadurch natürlich ein erfreulich großes Zuschaueraufkommen beschert hat. Diese Fahrzeuge müssen an sich auch erhalten bleiben, ein Verbot würde weitreichende Folgen für den Langstreckensport am Nürburgring haben. Das Zuschauerinteresse weit weniger betreffen würden allerdings Anpassungen dieser Reglements auf die speziellen Anforderungen der Nordschleife, die unbestritten bestehen und die ja gerade das Besondere und den Reiz der Nordschleife ausmachen. Die Fahrzeuge mittels aerodynamischer Beschränkungen oder Begrenzung der Motorleistung einzubremsen ist in meinen Augen die authentischste und wirksamste Lösung, um einerseits genug Sicherheit für alle Beteiligten zu ermöglichen und andererseits den Langstreckensport in seiner Attraktivität zu bewahren. Die Notwendigkeit, aber auch die Legitimität dieser Anpassung der Fahrzeuge an die Nordschleife ergibt sich ja gerade aus dem innersten Wesen des Nürburgrings: Die Strecke ist eben nicht eine von vielen und daher auch nicht ohne Vorbereitung und Anpassung befahrbar. Auch heute noch sollte der Fokus darauf liegen, dass Fahrzeuge für die Nordschleife gebaut werden und nicht umgekehrt.

Dass auf der VLN-Variante des Nürburgrings mittlerweile Zeiten unter acht Minuten gefahren werden, ist absolut beeindruckend, Rundenzeiten um 8:15 oder auch 8:30 würden dem gebotenen Spektakel für die Zuschauer und damit der Attraktivität des Langstreckensports allerdings keinerlei Abbruch tun. Vorrangig geht es um die Fahrzeuge und den Kampf an der Spitze und nicht um die abstrakte Endgeschwindigkeit oder die Rundenzeit, die am Ende auf der Uhr steht. Wenn die Spitzenfahrzeuge durch die Balance of Performance, also durch einen Eingriff in das Reglement einander angeglichen werden können, ist der Schritt zu einem weiteren Eingriff in das Reglement um der Sicherheit Willen kein großer und dadurch auch motorsportpolitisch kein Skandal. In diesem Fall geht es tatsächlich um ein höheres Ziel: Attraktivität des Langstreckensports mit gleichzeitig möglichst hoher Sicherheit aller Beteiligten. Im selbsen Schritt könnte durch eine angemessene Einbremsung der Spitzenklassen der Geschwindigkeitsunterschied, der innerhalb des gesamten Feldes zwischen "großen" und "kleinen" Klassen besteht, angeglichen werden. Dies würde einerseits mehr Sicherheit bringen, andererseits würde die Divergenz innerhalb des Feldes vermindert, was wiederum mehr Spannung ins Renngeschehen bringen würde.

Aus dem absolut berechtigten Anspruch des Nürburgrings, die schwierigste Rennstrecke der Welt zu sein, ergeben sich nun also die Forderung und auch die Chance, durch den Hinweis auf die besondere Schwierigkeit der Strecke das Wesen des Nürburgrings als eben diese schwierigste Rennstrecke zu bestärken und damit seine Attraktivität neu zu definieren, indem mit Blick auf die Sicherheit aller Beteiligten Anpassungen internationaler Reglements auf die Gegebenheiten am Nürburgring durchgeführt werden. Die Nordschleife ist nicht irgendeine Strecke unter vielen, sondern in Länge und Schwierigkeit unübertroffen. Wenn dieser Anspruch nicht zu einer leeren Worthülse verkommen soll, müssen diejenigen, die sich auf der Strecke beweisen wollen, diesem Anspruch Rechnung tragen. Rennwagen von der Stange, die für computergenerierte Retortenkurse in allen Ecken der Welt gebaut werden, haben noch lange nicht das Privileg, als nordschleifenerprobt zu gelten und diese Ehrung ohne Mühen mit sich herumtragen zu dürfen. Nordschleife war nie Retorte, Nordschleife war nie mainstream, und darf es auch weiterhin nicht werden. Viele bezeichnen die Nordschleife als den Mount Everest unter den Rennstrecken - ich bezeichnen den Mount Everest als die Nordschleife unter den Bergen. Für den Mount Everest bedarf es spezieller Ausrüstung, ausgiebigen Trainings und einiger Erfahrung - für die Nordschleife gilt dies ebenso. Eine Einbremsung der Rennwagen zur Bestandssicherung am Nürburgring beschädigt demzufolge nicht die Integrität des Motorsports, sondern stärkt die Bedeutung und damit den Namen des Nürburgrings in der Welt des Motorsports.